Social Media in Bibliotheken: Eine Hauptrolle für die Bibliotheksleitung.


Nach mehreren Jahren Social-Media-Praxis in Bibliotheken habe ich mich sehr gefreut, dass ich Ende August erstmals meine eigenen Erfahrungen aus der Social-Media-Praxis weitergeben konnte. Anlass war der Start des Programms „#Bibreise – Digitale Kommunikation in Öffentlichen Bibliotheken der Bezirksregierung Düsseldorf an der Bibliotheksleitungen aus Bibliotheken verschiedener Größen teilnahmen, um mit Social Media zu starten.
Central Library Cape Town
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 Tipps und Erfahrungen – kein Königsweg

Meine Erfahrungen und Tipps beschreiben dabei Wege, die man gemeinsam mit Bibliotheksteams gehen kann. Ein Königsweg ist das sicher nicht. Das Thema „Welche Rolle hat die Bibliotheksleitung, um die Social-Media-Aktivitäten der Bibliothek zum Erfolg zu bringen?“ hat mich schon lange beschäftigt. Meine (Abenteuer-)Reise nach „Digitalien“ begann so richtig 2009, als ich als Leiter der Stadtbibliothek Emsdetten mit dem gesamten Team am Programm „Lernort Bibliothek“ des Landes NRW teilnahm.

Riesenchance Social Media

Ich bin der Überzeugung, dass Web 2.0-Angebote wie Facebook, Twitter & Co. für uns Bibliotheken riesige Chancen beinhalten. Gleichwohl ist dies bei vielen Bibliotheksleitungen nicht angekommen. Social Media wird oft als „Add-on“ gesehen, schlimmstenfalls als „Spielerei“. Dabei ermöglicht Social Media eine zeitgemäße Kundenkommunikation und Information. 

Zudem: Wollen Bibliotheken gesellschaftliche Relevanz haben, die sie selbst immer beschwören, müssen sie in den Sozialen Netzwerken präsent sein. Gerade konnte man lesen, dass mittlerweile 1 Milliarde Menschen weltweit Facebook pro Tag nutzen. Wo so viele Menschen sind (digital oder virtuell), sollten Bibliotheken sein. Im „echten“ Leben würde diese Aussage niemand bezweifeln.

1 Die Bibliotheksleitung hat eine Schlüsselrolle: Die Minimalanforderungen

Die grundsätzliche Rolle für Führungskräfte in Bibliothek bezogen auf die Web 2.0-Aktivitäten ist aus meiner Sicht, ein Umfeld in der Bibliothek zu schaffen, dass Social Media ermöglicht und befördert, wertschätzt und als Ziel hat, diese Aktivitäten perspektivisch in die Arbeitsabläufe und den Arbeitsalltag einzubinden.

Arbeitszeit

Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bibliothek muss Arbeitszeit für Social Media eingeräumt werden. Gerade in kleineren Bibliotheken kann dies eine echte Herausforderung sein. Daher verursacht Social Media häufig eine interne Aufgabenkritik: „Was lassen wir weg oder vereinfachen wir, um digital kommunizieren zu können?“ – Dieses wird in Zukunft in den Bibliotheksteams eine häufig diskutierte Fragestellung sein (müssen) – auch bezogen auf andere Themen, die mit der Digitalisierung zu tun haben.

Fachkompetenz

Die Kolleginnen müssen die fachlichen Fähigkeiten durch Fortbildungen erlangen, Social-Media-Kanäle bedienen zu können (am besten regelmäßig und fortlaufend). Das Wissen, dass man durch private Aktivität in den Netzwerken „en passant“ erlangt hat, reicht für eine halbwegs professionelle Administration nicht aus. Ebenso erforderlich sind grundlegende Kenntnisse über entsprechende Gesetze (insbesondere im Urheber- und Persönlichkeitsrecht)- will man nicht nach dem Posten direkt abgemahnt werden.

Dies ist aus meiner Sicht die Minimalanforderung. Aber reicht es aus, wenn die Bibliotheksleitung diese Maßnahmen ergreift und die Aufgaben delegiert? Ich denke, nein.

2 „Digitales Leben“ selber vorleben

Idealerweise leben Bibliotheksleitungen das „Digitale Leben“ selbst vor. Es ist förderlich, wenn sie selbst in den Sozialen Netzwerken vertreten und aktiv sind – als ersten Schritt natürlich dort, wo sich die Bibliothek befindet. Aber Portale auszuprobieren, sich einfach mal anzumelden, herumzuexperimentieren macht ebenfalls Sinn, denn man verliert die Scheu und es trainiert die Offenheit, die man benötigt.

Digitales Netzwerk schaffen

Viele werden im „Digitalen Leben“ merken, dass man neue Menschen kennenlernt, dass man interessante Kontakte in der Digitalen Welt knüpfen kann, die man dann auch „in Echt“ kennenlernen will. Dadurch schafft man sich über die Zeit ein digitales Netzwerk, welches ein unheimliches Potential für die eigene Bibliothek hat. 

Und der Nebeneffekt: Sie verstehen die Portale inhaltlich und technisch: Facebook ist nicht Twitter ist nicht Instagram. (Und Facebook beispielsweise bastelt oft an der Seite herum, dass man am besten gleich mitmacht, um zu wissen, was da läuft.)

Billy Bücherbär hat Ihnen eine Freundschaftsanfrage gesendet

Wichtig ist, dass man mit seinem „echten Namen“ aktiv ist. Sonst bleiben die gewünschten Effekte aus. Man sollte sich nicht scheuen, sich zu präsentieren – sonst tut man das für die Bibliothek ja auch. Warum? Was ich nicht mehr mag, sind Sammelaccounts von  Bibliotheken (z.B. sowas wie „Billy Bücherbär“), wo sich ganze Teams versammeln, die selbst nicht bei Facebook aktiv sein wollen. Auf Freundschaftsanfragen von Fantasiewesen wie „Billy Bücherbär“ reagiere ich mittlerweile nicht mehr und lösche sie, weil ich gar nicht weiß, wer da alles den Zugang hat. Das weiß man bei Echtnamen auch nicht immer, aber hier weiß ich zumindest, mit wem ich es grundsätzlich zu tun habe. Das Verstecken hinter Pseudonymen verhindert wirkliche Vernetzung .

3 In kleinen Bibliotheken: Zuerst das ganze Team mitnehmen und später nachjustieren

Bibliotheksträger einbinden

In einer kleinen Bibliothek ist wichtig, als erstes den Träger und die Vorgesetzten von der Notwendigkeit einer Web-2.0-Präsenz zu überzeugen. Bleiben Sie transparent! Durch die Einbindung und den Start im Rahmen eines Projektes des Landes NRW kann die Überzeugung leichter gelingen, denn dadurch ist gewährleistet, dass man externes Know-How bekommt, was aus meiner Sicht unbedingt erforderlich ist.

Alltägliche Kundenkommunikation

Für viele kleine Einrichtungen kann bei der Grundsatzentscheidung dann die Presseabteilung der Stadt ein Problem werden, da die Social-Media-Aktivitäten immer noch als Öffentlichkeitsarbeit gesehen werden und Veröffentlichungen im Namen der Stadt haben häufig einen festgelegten Entscheidungsweg. Die Bibliothek ist hier nicht autonom. Hier ist es wichtig deutlich zu machen, dass es bei Social Media in erster Linie um eine Kommunikation mit den Kundinnen und Kunden geht. Das, was tagtäglich auch ohne ein Presseamt in der Bibliothek im Service und an der Infotheke geschieht, findet hier einfach in der digitalen Welt statt.

Das ganze Team aktivieren

In einer kleinen Bibliothek empfiehlt es sich, im ersten Schritt das ganze Team mitzunehmen und fortzubilden. Alle sollten posten, alle sollten sich ausprobieren können (um ein Gefühl für das Medium zu bekommen und die Akzeptanz im Team für die neuen Medien zu stärken). Denn auch wenn sich später ein engerer Kreis von Kolleginnen und Kollegen herausbilden sollte, bringen die anderen dann viel mehr Verständnis für deren Arbeit auf.

Social-Media-Guidelines

Unbedingt braucht man Social-Media-Guidelines (Regeln über das Posten etc.), die miteinander im Team vereinbart werden. Wichtig: Diese sollten während der „Abenteuerreise Social Media“ immer wieder angepasst und überarbeitet werden, sie können keinesfalls fix sein.  Hilfreich ist es, das Ganze als Prozess zu begreifen. Die Social-Media-Aktivtäten bedürfen immer wieder der Überprüfung und Nachjustierung. Perfektionisten werden sich schwertun, denn es bedarf hier und da auch einer gewissen Leichtigkeit.

Stärken nutzen, Grenzen akzeptieren

Akzeptieren sollte man die persönliche Grenzen von Kolleginnen und Kollegen. Nicht jedem liegt es, einen Blog-Artikel zu verfassen, einen originellen Facebook-Post oder einen zündenden Tweet bei Twitter zu schreiben. Dafür haben diese mit Sicherheit andere Stärken: gute Ideen sind immer Gold wert. Und im Namen der Einrichtung unterwegs zu sein und Inhalte zu teilen, zu kommentieren, zu „liken“ oder zu favorisieren kann eine wichtige Aufgabe sein, denn damit wird die Präsenz der Bibliothek weiter gesteigert.

Nebenwirkungen

Eine kleine Nebenwirkung kann eintreten: Social Media bricht unter Umständen Strukturen und Hierarchien auf. Es können Defizite in der internen Organisation, im Team etc. aufbrechen. Am besten ist man darauf vorbereitet.

4 In größeren Bibliotheken: Bilden Sie ein Team der Willigen und Begeisterten

Ist in einem Großstadtsystem die Entscheidung gefallen, in Social Media präsent zu sein, ist sicher meist die mittlere Führungsebene und nicht die Direktion selbst gefragt. Zu empfehlen ist aus meiner Sicht die Gründung eines abteilungsübergreifenden, offenen „Teams der Willigen und Begeisterten“ aus denjenigen, die bereits privat in Social Media aktiv sind und Lust haben, dies auch für die Bibliothek zu sein.

Hauptverantwortliche, Kernteam und offener Kreis

In der Praxis bewährt hat sich ein Kernteam und ein abteilungsübergreifender offener Kreis von interessierten Kolleginnen und Kollegen. Bei uns in Düsseldorf sind diese in einer internen Facebook-Gruppe organisiert. Hier kann man Ideen und Gedanken teilen.  Das Kernteam entscheidet, wann was gepostet wird und wählt aus.

Es braucht bei aller Gruppendynamik Jemanden, der die Fäden zusammenhält. Das muss dann nicht eine Abteilungsleitung oder Bibliotheksleitung sein. Wir haben in Düsseldorf das große Glück einer Online- und Social-Media-Redakteurin.

Es bietet sich an, eine Mischung aus strategischer Planung und spontanen Aktionen für den Content in den Sozialen Netzwerken zu haben. Wir haben in Düsseldorf ein Gerüst fest geplanter Reihen, Terminen und Aktionen und trotzdem Raum für Spontanes und Unvorhergesehenes. Sich aber rein auf  spontane Eingebungen und Ideen zu verlassen, kann unnötigen Druck aufbauen.

Rolle der mittleren Führungsebene in Großstadtsystemen

Gerade auf mittlerer Führungsebene im Großstadtsystem ist es an dieser Position immer wieder möglich, Web-2.0-Elemente in Arbeitsabläufen, bei Projekten und Veranstaltungen anzumahnen und einzufordern. Diese Möglichkeit haben oft die Kolleginnen und Kollegen, die ganz stark operativ eingebunden sind nicht , da sie häufig überhaupt nicht in den verschiedenen Gremien und Besprechungsrunden dabei sind. Diese Funktion halte ich für eine zentrale Rolle von Führungskräften in Bibliotheken bezogen auf Social Media.

Wibke Ladwig @sinnundverstand bracht es auf den Punkt
Wibke Ladwig @sinnundverstand) bracht es bei Twitter auf den Punkt
Monitoring und Evaluation

Wichtige Elemente guter Social-Media-Arbeit sind das Monitoring und die Evaluation. Zwei umfangreiche Themen, die ich hier nur streifen kann. Zum Einstieg sollte man einige Kennzahlen definieren, interne Ziele vereinbaren. Zum Social-Media-Monitoring sei hier ein Beitrag von Christoph Deeg empfohlen.

Postive Effekte

Viele Elemente von Social Media können positive Auswirkungen auf den realen Arbeitsalltag haben. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben die Möglichkeit, kreativ zu sein. Die Offenheit und der Teamgeist untereinander werden gefördert. Man hat häufig viel Spaß miteinander. Auch kann sich Privates und Dienstliches schnell vermischen. Das sollte man als Chance begreifen!

Verknüpfung des Digitalen mit dem „Ort Bibliothek“

#bookup verknüpft digitale und reale Welt
Veranstaltung: #bookup verknüpft digitale und reale Welt

Die Social-Media-Aktivitäten der Bibliothek mit dem realen Ort Bibliothek zu verknüpfen führt letztlich zu einer Nachhaltigkeit aller virtuellen Aktivität. Ich denke, man sollte die Sozialen Netzwerke im Raum sichtbar machen und z.B. direkte Verknüpfungen durch spezielle Veranstaltungsangebote  herstellen. Wie zum Beispiel mit einem #bookup – das von Stefanie Leo weiterentwickelte #tweetup-Format.

Förderlich ist es auch als Führungskraft in seiner Stadt und Region die Kontakte zur „Digitalen Gesellschaft“, zu Bloggern und Twitterern zu suchen. Das macht nicht nur Spaß und ist bereichernd, sondern vernetzt die Bibliothek nachhaltiger.

Schlüsselrolle und eine der Hauptrollen

Und um die Einstiegsfrage „Welche Rolle hat die Bibliotheksleitung, um die Social-Media-Aktivitäten der Bibliothek zum Erfolg zu führen?“ zu beantworten: Die Bibliotheksleitung hat nicht nur eine Schlüsselrolle – sie sollte auch eine der Hauptrollen spielen.

Ein Leitsatz (den ich an anderer Stelle mal gelesen habe) passt auf Social Media in Bibliotheken „Kontrolle abgeben, Vertrauen stärken, Führung behalten“. Denn alles Tun und Handeln im „Social Web“ sollte letztlich immer zur Ist-Situation der Bibliothek und ihrer strategischen inhaltlichen Ausrichtung passen.

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2 Kommentare

  1. […] auch von den hochinteressanten Beiträgen der Bibliotheksleitungen. Einer davon mündete in einen Blogbeitrag über die Rolle der Leitung einer Bibliothek bei und in Social Media. Stephan Schwering kennt diese Rolle sowohl aus der Öffentlichen Bibliothek in Emsdetten wie auch […]

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