Ich war „Praktikant“ bei @Rheinbahn_intim!


Ich werde in Düsseldorf nie wieder Straßenbahn fahren wie vorher. Denn ich habe ein vierstündiges Praktikum mit Erkan Dörtoluk machen dürfen. Er wird als der „Whistleblower von Tarifzone A“  bezeichnet und ist der Mann hinter dem Twitter-Account „@Rheinbahn_intim„.

Seine Tweets von mitgehörten Gesprächen sind über die Stadtgrenzen Düsseldorfs bekannt. Als Vorbereitung für seine Lesung in der Zentralbibliothek hat mich einfach einmal interessiert, wie er an diese Tweets kommt, die gerade auch als Buch mit dem Titel „Du hast mir das Kind gemacht, nicht ich“ erschienen sind.

Wie macht man das konkret in der Bahn?

Gesagt, getan: Ich treffe Erkan an einem sonnigen Vorfrühlingsmittag vor dem Hauptbahnhof Düsseldorf und lerne gleich meine erste Lektion: „Hallo Stephan, du hast ja keine Sonnenbrille!“. Stimmt! Die Erklärung, dass Menschen, die einem nicht in die Augen sehen können, auch nicht denken, dass man ihnen zuhört, leuchtet ein. Grundausstattung.

„Ok, wohin sollen wir fahren?“ Wir nehmen die Bahn zur Heinrich-Heine-Allee (dem U-Bahn-Hauptverkehrsknotenpunkt Düsseldorfs) und steigen dort in die Wehrhahn-Linie. Die Linie ist toll, leider ist es unter der Erde in den Wagen etwas lauter, da kann man nicht so gut lauschen. Wir steigen also aus und begegnen einem streitenden Ehepaar am Bahnsteig. Die Fährte nehmen wir auf … sie versiegt allerdings in der Bahn – hier wird plötzlich geschwiegen.

Fährten aufnehmen oder einfach sitzen bleiben

Wir fahren bis zur Haltestelle Schadowstraße und steigen um in eine volle Bahn Richtung Rath. Wenn die Bahnen voll sind, gibt es am meisten zu lauschen (Zweite Lektion: In volle Bahnen einsteigen, auch wenn’s eng wird!) und dann? „Einfach sitzen bleiben.“ Jede Haltestelle kann dir eine neue Geschichte bringen. Dann steht eine Schulklasse am Straßenrand. Bingo! Viele potentielle Geschichten steigen ein, am Ende bleibt aber nur der Lehrerspruch: „Aufsatzthema: Warum spucke ich nicht auf fahrende Autos.“ – mäßig witzig. Nur in der Situation leicht amüsant. Das ist eine weitere Lektion: Erst im Nachhinein wird deutlich, ob das Belauschte Rohmaterial für einen originellen Tweet trägt. Nicht alles was man in der Bahn aufschnappt ist geschrieben auch noch lustig.

Dann sehen wir eine Clique „harter Jungs“ und setzen uns in die Nähe. „Warum fahrt ihr eigentlich alle mit der Bahn?“ will eine Dame wissen. Einer kontert: „Führerschein hab ich dreimal gemacht. Aber nur einmal gekriegt.“ Ein Fang im Netz und wieder was gelernt: Setz dich in die Nähe von Leuten, die du sonst vielleicht meiden würdest. ;-)

„Wieviel Weisheit steckt im ÖPNV?“

Wer twittert, weiß, wie schwer es manchmal ist, einen originellen Tweet in 140 Zeichen zu verfassen. Erkan sammelt die „Felsblöcke“, aus denen er dann die Tweets herausschält, wie ein Bildhauer. Das ist echt Arbeit und eine Kunst für sich. Durch mein kleines Praktikum wurde mir noch einmal klar, wieviel Zeit in jedem einzelnen Tweet steckt. Chapeau!

Erfunden ist dabei kein Tweet, das ist Erkan wichtig – das Leben ist tatsächlich so prall wie getwittert: So lustig, so flach und manchmal auch so nachdenklich. „Es passiert häufig, dass in einem schnell daher gesagten Satz viel Weisheit steckt.“ Den Menschen ist das wohl nicht immer so bewusst. Und dabei ist es dann ganz egal wer da gerade sitzt und spricht.“ Und so fragte Erkan bei seiner Lesung in der Zentralbibliothek folgerichtig: „Wieviel Weisheit steckt im ÖPNV?“ Diese Frage sollte jeder für sich beantworten.

Gut, dass es @Rheinbahn intim gibt. Und wie toll, dass ich Praktikant sein durfte. Mir hat es großen Spaß gemacht einmal „live“ beim Lauschen dabei zu sein! Vielen Dank, Erkan!

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