#LibraryLife in der Coronakrise (2) – Bibliotheken und Corona: Es geht um viel. Und zwar jetzt.


Die Coronakrise hat Auswirkungen, auch auf Bibliotheken. Ende März (Mitten in der Krise) habe ich darüber gebloggt, dass „Digitale Bibliotheksinhalte auch eine digitale Community“ brauchen. Ich möchte heute einen weiteren Gedanken hinzufügen: Bibliotheken müssen „digitale dritte Orte“ werden. Die Krise hat uns meines Erachtens gezeigt, dass wir in Bibliotheken noch viel digitaler denken müssen und zwar nicht in der Form, dass wir noch mehr zusätzliche Medien und Inhalte digital zur Verfügung stellen. Wir müssen über die reine Übertragung des Analogen ins Digitale hinausgehen und wirklich digital denken und dort kommunikativer werden. Wir müssen mehr Beratungen online anbieten, Veranstaltungsformate auch immer digital denken, im Internet und den Sozialen Medien ansprechbar sein – einfach im Netz als kompetente Medienpartner für Bürgerinnen und Bürger präsent sein und eine Plattform bieten – aber nicht nur mit Medienangeboten selbst, sondern verstärkt mit der Vermittlung und Beratung!

Das Kuratieren von hochwertigen Inhalten können Bibliothekarinnen und Bibliothekare – auch digital (sofern es die Verlage ermöglichen). Sie könnten aber noch viel mehr und das wird meiner Meinung zur Kernkompetenz unseres Berufsstandes werden: Wir müssen die Bibliotheken auch zu einem „dritten digitalen Ort“ machen. Wir brauchen eine stärkere, neue digitale Aktivität von Bibliotheken. Dabei es ist Zeit, Schluss damit zu machen, Social Media und Digitale Kommunikation als eine „Ad on“ zu sehen. Das Digitale in Form von kommunikativer Kompetenz ist eine Kernaufgabe der öffentlichen Bibliothek. Das müssen wir jetzt und konsequent umsetzen, diesen Moment nutzen. Der „Digital Librarian“ muss jetzt Standard werden. Kommunikation über Videochats, das Beherrschen von Social Media Kanälen, Bloggen, Veranstaltung zu Medienkompetenz, Lesekompetenz, kultureller Bildung und die Vermittlung an die Bürgerinnen und Bürger gehört in den Fokus.

Die Bibliotheken öffnen wieder in der sich entspannenden Situation in mehreren Schritten und als erstes stand nur die Ausleihe von Büchern und Medien. Meine Beobachtung: Einen Run auf die Ausleihe von haptischen Büchern und Medien hat es nicht gegeben. Ausleihen haptischer Bestände ist zwar eine der klassischen Bibliotheksaufgaben und sie wird es weiterhin bleiben – insbesondere im Kinderbereich und der Belletristik. Sie ist jedoch nur eine Aufgabe von vielen anderen und die Krise hat uns eines gezeigt, was uns optimistisch stimmen kann: Viele Bibliotheken sind mit den neuen Konzepten, die Bibliothek als „Dritten Ort“, als Ort der Kommunikation und Begegnung der Stadtgesellschaft und als Raum der niedrigschwelligen Vermittlung von digitaler Medienkompetenz (auch in Labs & Makerspaces)zu etablieren, auf dem richtigen Weg. Das, was uns die skandinavischen Bibliotheken, zuletzt Helsinki, nun Oslo so eindrucksvoll vorleben: Die Bibliothek der Zukunft ist das Wohnzimmer der Stadt.

Wir müssen uns in den Bibliotheken als nächsten Schritt aber auch ehrlich fragen, wo wir in Zukunft unsere Personalressourcen einsetzen wollen: Interne Arbeiten wie beispielsweise Bestandsaufbau, Katalogisierung, inhaltliche Erschließung, technische Medienbearbeitung müssen weiter konsequent outgesourcest, vor Ort auf ein notwendiges Minimum beschränkt oder mithilfe von KI personell entlastet werden. KI-Projekte und Forschungen gibt es dazu schon einige, wie z.B. beim #vBIB20 deutlich wurde (z.B. in der Session „KI als Aufgabe für Bibliotheken in Forschung, Lehre und Anwendung – oder zwischen Hype, Wirklichkeit und Durststrecke“). Wir müssen die Arbeitsschwerpunkte in den Bibliotheken vor Ort weiter verschieben.

Dabei bietet diese Krise auch die einmalige Chance, das Digitale mit dem Analogen zu versöhnen und endlich mit dem Gegenüberstellen in Konkurrenz Schluss zu machen. Was durch Corona digital möglich war und genutzt wurde, weil im „Lockdown“ keine andere Form der Kommunikation möglich war, gilt es jetzt zu etablieren und selbstverständlich zu machen. Das fördert nicht nur die Sichtbarkeit von Bibliotheken im Digitalen, sondern liegt in einer veränderten Welt im ureigenen Interesse der Bibliotheken selbst. Wir wollen doch z.B. die neuen digitalen Nutzer auch halten und den Boom auf die Online-Angebote nicht zu einem Strohfeuer werden lassen. Denn Bibliotheken sollten sich immer an der Lebenswirklichkeit der Menschen orientieren und die ändert sich gerade gewaltig.

Gleichzeitig stärkt die digitale Kommunikation auch den „dritten Ort“ Bibliothek, denn was die Krise auch gezeigt hat: Wir können das Digitale nutzen, um im Kontakt zu bleiben und nicht in Vergessenheit zu geraten, wir können in einer Videokonferenz schnell Dinge klären und uns vereinbaren, man spart Wege, ist vielleicht sogar manchmal effizienter. Wir alle brauchen aber nicht nur das Digitale, wir brauchen die Begegnung, den Kontakt und realen Austausch mit Menschen. Ein Ersatz für eine menschliche Begegnung, ein Smalltalk am Rande, ein Zuprosten zur Feier eines Projektes oder einfach ein gemeinsames Essen, wird keine Videokonferenz auf Dauer sein. Aber sie ist nun – auch in öffentlichen Bibliotheken – zu einem wichtigen Arbeitsmittel geworden.

Vielleicht muss man sich jetzt die Frage stellen: Ist dies der Beruf, den ich noch ausüben will, kann ich mich ganz neu dafür entscheiden oder ist es nicht mehr das was ich mir vorstelle? Denn es geht dabei jetzt um die Zukunftsfähigkeit von Bibliotheken. Sonst könnte es tatsächlich zu spät sein. Und ich schreibe das als Optimist, weil ich weiß, dass viele Bibliotheken dieses Potential haben und auf dem Weg sind. Ob wir das hören wollen oder nicht: Viele Bürgerinnen und Bürger haben eine Bibliothek lange nicht besucht und wissen daher nicht, was die Bibliothek für ein Ort sein kann, wie wichtig eine Bibliothek für die Stadtgesellschaft ist und deshalb: gehen wir aktiv „out of the box“ in die Stadt, auf Konferenzen, BarCamps, Meetups, einfach raus – aber das bitte auch digital!

Zwei bemerkenswerte Beiträge zu den Folgen von Corona für Bibliotheken sind der Artikel des Direktors der New York Public Library, Anthony W. Marx „Libraries must change“ in der New York Times am 28. Mai 2020 und von Nick Poole: „A new future for Public Libraries“ auf Medium.com am 29. April 2020.

3 Kommentare zu „#LibraryLife in der Coronakrise (2) – Bibliotheken und Corona: Es geht um viel. Und zwar jetzt.

  1. Silke Niermann

    Lieber Stefan,
    sehr treffend formuliert! Es ist höchste Zeit für diesen Change in unseren Teams und auch in unseren Dienstleistungen. Und wir müssen überlegen, wie wir die Kunden mitnehmen, die sich digital eher verweigern.
    Freue mich auf den Erfahrungsaustausch.

    Liebe Grüße
    Silke Niermann

    Liken

  2. Hier würde ich mir ja auch mehr Offenheit von seiten der Kommunen wünschen, um Quereinsteiger*innen den Weg in die Bibliotheken zu öffnen. Vorbildhaft ist hierbei meines Erachtens die Münchner Stadtbibliothek, die sich mit der Literaturwissenschaftlerin und Journalistin Katrin Schuster Kompetenz für digitale Kommunikation ins Haus geholt hat.

    Ich weiß von anderen Quereinsteiger*innen, wie schwer es den Bibliotheken von Verwaltungsseite aus gemacht wird, jemanden außerhalb des bisher erwünschten (und engen) Berufsbildes einzustellen. Und das angesichts eines doch offenkundig bestehenden Fachkräftemangels.

    (Den Kommentar verfasste ich eigentlich auf einen Facebook-Post von Anke von Heyl hin. Aber hier ist er wohl besser aufgehoben.)

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, da gebe ich dir recht. Bibliotheken brauchen verschiedene Berufe. Wir haben deshalb in unserer Vision 2025 für die Zentralbibliothek explizit formuliert, dass wir uns verstärkt „für andere Professionen öffnen“ wollen. Ist auf dem Weg.

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: