Analog und digital: Warum Bibliotheken DIE Orte der Zukunft sind.


dokk1 in Aarhus (DK)
dokk1 in Aarhus (DK)

Viele Öffentliche Bibliotheken sind bereits jetzt die „Dritten Orte“ der Stadtgesellschaft. Die von Ray Oldenburg aufgestellte Theorie des „Dritten Ortes“ zwischen Arbeit und Zuhause, an dem man sich wohl fühlt, der offen ist, an dem man andere unkompliziert treffen kann – einen Lebensraum der Stadtgesellschaft – haben viele Bibliotheken in den vergangenen Jahren in den Mittelpunkt ihrer Arbeit gestellt. Die Corona Pandemie hat gezeigt, was passiert, wenn dieser dritte Ort fehlt und welche Herausforderungen damit für Bibliotheken verbunden sind: Bibliotheken werden ganz schnell wieder auf eine Ausleih- und Thekenbibliothek reduziert – auch wenn sich „Click & Collect“ vielleicht besser anhört.

Das Angebot ist sicherlich gut und sinnvoll, insbesondere für die Bürgerinnen und Bürger, die keine Online-Medien nutzen können oder wollen; ganz abgesehen davon, dass immer noch nicht alles, was als Gedrucktes zur Verfügung steht, auch digital verfügbar ist. Dennoch bleibt für mich dabei ein fahler Beigeschmack im Hinblick darauf, wie Bibliotheken in der breiten Öffentlichkeit und damit anscheinend von vielen Journalist*innen wahrgenommen werden: als Ausleihstationen.

Viel dringender ist eine weiterhin stabile starke Online-Präsenz und eine konsequente und ausgebaute Digitalstrategie für die Bibliotheken im virtuellen Raum. Damit sind sie nicht nur präsent, sondern auch für die Zukunft gerüstet. Wenn Bibliotheken jetzt konsequent den digitalen Weg weitergehen und die digitalen Angebote jetzt etablieren, können sie nach der Pandemie DIE Zukunftsorte der Stadtgesellschaft werden, weil sie einen nicht-kommerziellen analogen Raum mit digitalen Angeboten und Konzepten werden verknüpfen können. Auch mit Wiederöffnung nach der Pandemie müssen Bibliotheken ihre Angebote im Digitalen beibehalten und damit meine ich eben nicht nur die digitalen Medienangebote. Ein Zurück dahin, wie es vor Corona einmal war, wird es nicht mehr geben. Die Gesellschaft hat sich während der Pandemie zu sehr verändert und viele Dinge des digitalen Lebens haben einen Schub bekommen, einige Veränderungen werden bleiben und noch weiter beschleunigt werden. Jeder kann Dinge aufzählen, bei denen sich Deutschland bislang schwer getan hat (und tut!) – vom bargeldlosen Zahlen von Kleinstbeträgen in der Bäckerei bis zur selbstverständlichen Videokonferenz. Größere Konferenzen finden nun digital statt und warum sollten sie nicht in Zukunft hybrid stattfinden, um mehr Menschen die Teilnahme zu ermöglichen und auch Zeit und Kosten für Reise und Übernachtung zu sparen?

Bibliotheken haben ein unglaubliches Potential DIE Orte der Zukunft zu werden, wenn sie sich jetzt auch digital weiterhin so gut als „dritten Ort“ aufstellen, wie sie es in die den letzten Jahren analog getan haben, um nach der Krise, diese beiden Orte – die ich gar nicht für Gegensätze halte – zusammenzuführen. Doch dafür müssen Bibliotheken das, was jetzt digital in Bewegung gekommen ist, auch in Bewegung halten. Denn ich bin überzeugt, dass die Verbindung – um nicht zu sagen die Versöhnung – beider Bereiche das Potential von Bibliotheken in der Zukunft ist. Was nicht passieren darf, ist ein ersehntes, erleichtertes Zurück zum Analogen und das Zurückfahren der digitalen Aktivitäten und Formate. Sicherlich muss man prüfen, was nur wegen Lockdown und Pandemie relevant war, aber wir werden in Zukunft vermutlich so hybrid und so digital sein, wie niemals zu vor.

Der schweizerische Kultur- und Medienwissenschaftler Felix Stalder schreibt in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Kultur der Digitalität“: „… viel weniger soll das ‚Digitale‘ vom ‚Analogen‘, das ‚Immaterielle‘ vom ‚Materiellen‘ abgegrenzt werden. Auch unter den Bedingungen der Digitalität verschwindet das Analoge nicht, sondern wird neu be- teilweise sogar aufgewertet.“ (S. 18). Genau hier liegt DIE Chance der Bibliotheken nach der Corona-Krise: Wir alle werden viele Dinge des Analogen neu wertschätzen und uns danach zurücksehnen, uns wieder mit anderen zu treffen, auszutauschen, zu kommunizieren. Die Fähigkeit zur digitalen Transformation ist aber entscheidend für den Erfolg von Bibliotheken in der Zukunft.

Digitales Leben, digitale Begegnungen und digitale Communities werden nach Corona selbstverständlicher, als sie es in der Community ohnehin vorher schon waren. Mich beschäftigt die Frage, wie schaffen Bibliotheken es, diese beiden Räume miteinander zu verknüpfen? Wie schaffen sie es, sich im digitalen Raum dauerhaft noch besser aufzustellen?

Ich stieß letztens auf einen Artikel von Christoph Deeg aus dem Jahr 2013, der den provokanten Titel hat „Nehmt den Bibliotheken die Bücher weg!“, dort schreibt er: „Bibliotheken sollten zu Orten werden, bei denen die digitale mit der analogen Welt vernetzt werden. Öffentliche Bibliotheken sind dann quasi das analoge “Facebook” einer Stadt oder einer Gemeinde. Und was immer die Menschen auch interessiert, was immer sie auch ausprobieren und lernen möchten, die Bibliothek hilft ihnen dabei. Bibliotheken sind also nicht mehr die Informations- und Medienexperten. Sie sind vielmehr analog-digitale Plattformen und ihr Bestand ist ein Teil davon. Die Alleinstellungsmerkmale öffentlicher Bibliotheken wären dann u.a. 1. Der Ort; 2. Die Menschen, die in der Bibliothek arbeiten und 3. die Neutralität, d.h. die Bibliothek ist ein un-kommerzieller Raum.“ Nur: Um die digitale und die analoge Welt vernetzen zu können, muss ich im Digitalen ebenso gut aufgestellt sein, wie im Analogen.

Ich hatte im letzten Jahr darüber gebloggt, dass zu den digitalen Angeboten der Öffentlichen Bibliotheken auch eine Digitale Community gehört. Ich würde das jetzt so formulieren: Bibliotheken müssen für diese Digitale Community und für alle Bürger*innen, die das Internet täglich nutzen, zu einem „dritten digitalen Ort“ werden.

Darüber hinaus vergessen wir vielleicht zu oft, dass es Menschen gibt, die die Online-Angebote einer Bibliothek nutzen wollen, ohne diese jemals zu betreten. Was bieten wir diesen Bürgerinnen und Bürgern digital? Die gleiche Zuwendung, Beratung, Information, Kommunikation und Veranstaltungen wie unseren Besucherinnen und Besuchern vor Ort? Wir stellen ja im Analogen auch nicht nur ein Buch ins Regal sondern beraten, informieren, kommunizieren und bieten kulturelle Bildung vor Ort an. Durch den Schub der Digitalisierung in der Corona-Pandemie werden es sicher noch mehr sein, die dies von uns auch im Netz erwarten. Über Social-Media-Kanäle erreichen wir einige, aber längst sind dort nicht alle.

Bibliotheken bringen auch in der realen Welt die Menschen zusammen, also bitte auch in der virtuellen. Die Chancen sind groß. Ergreifen wir sie. Bleiben wir gleichermaßen digital und analog präsent.


Literatur:
Stalder, Felix: Kultur die Digitalität. 4. Aufl. Berlin, 2019.

Ein Kommentar zu „Analog und digital: Warum Bibliotheken DIE Orte der Zukunft sind.

  1. […] of libraries in social media achieve great added value when they are linked to the analogue “third place” of the library (German). Basically, only then do they unfold their full effectiveness and the so-called Return of […]

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: